Die Geschichte des Liederkranz

 

Zen1766771_0_xio-image-48b6abef21999-13v7iptrale Figur war Jens Sattler, der den Liederkranz am 23. November 1833 mit einigen Sangesbrüdern gründete. Man traf sich um zu singen, setzte damit aber ganz bewusst ein politisches Zeichen für ein geeintes Deutschland. Die Ehre der Idee überließ er übrigens seiner Mutter Catharina Sattler (1789-1861), Tochter des Malers Conrad Geiger und selbst künstlerisch begabt. „In der Person von Jens (1810–1880) schienen sich die unternehmerischen Fähigkeiten des Vaters, des Farbenfabrikanten Wilhelm Sattler, und der Mutter zu vereinen“, schreibt Erich Schneider. „Er war einer der Berater Bismarcks, sympathisierte mit demokratischen Kreisen, förderte die freie christliche Gemeinde in Schweinfurt  und sah im Liederkranz eine Bewegung, um die deutsche Einigung zu erreichen.“

Katharina und Wilhelm Sattler - die Eltern des Liederkranzgründers

Katharina und Wilhelm Sattler – die Eltern des Liederkranzgründers

Die bildliche Darstellung rechts veranschaulicht die Harmonie, aus der wirtschaftlicher Erfolg erwächst. Die Familie Sattler ist nur ein Beispiel von vielen in der Zeit des Biedermeier, das zeigt, wie ungeachtet der politisch angespannten Situation sich in Deutschland unaufhaltsam eine frühindustrielle Revolution anbahnte und man dennoch das Glück im Rückzug in das Private und innerhalb der Familie suchte.
Dies verherrlicht ein Auszug aus nebenstehendem Gedicht im ‚Neuruppiner Bilderbogen’ von ca. 1860.

 

 

 

 

 

Eheliches Familienglück

Nach Häuslichkeit und stiller Tugend
Suche der Mann bei seiner Wahl!
Wohl ihm, wenn ihm in blüh’nder Jugend
Die Frau würzt das bescheid’ne Mahl.

Ein holdes Weib hab’ ich gefunden,
Und lieblich blüht der Kinder Schaar!
Das sind die frohsten meiner Stunden,
Wenn ich bei meinen Lieben war.

Nur Häuslichkeit und stille Sitte
Macht das Weib uns schätzenswerth;
Dann eilt man in des Hauses Mitte,
Fühlt man von Sorgen sich beschwert.

 

 

Entwicklung des Männergesangvereins zum gemischten Chor

Männerchor des Liederkranzes 1908

Männerchor des Liederkranzes 1908

Erst im Jahre 1848 hatten sich 41 Damen zusammengetan, um einen eigenen Frauenchor zu gründen. Jens Sattler schreibt darüber 1848:

„… seither waren nur die Sängerbrüder aktiv, jetzt werden es auch die Sängerschwestern, und die einundvierzig Jungfrauen … bilden eine neue Zeit.“

Es dauerte aber noch bis zum Jahre 1879, bis der Liederkranz endgültig als gemischter Chor in Erscheinung trat. Es konnten jedoch bis 1939 nur Angehörige von Liederkranzmitgliedern beitreten. Auf das Wahl- und Stimmrecht  mussten die Sängerinnen noch bis 1947 warten. 

 

 

Ein Pass für Sänger auf Reisen

geschichte-4In diesem Zusammenhang ist auch der Sängerpass zu sehen, der auf Betreiben von Jens Sattler ab 1841 an Mitglieder ausgegeben wurde, die auf Reise gingen und der wie eine Art Reisepass funktionierte. Der Pass enthielt die Personalien und Angaben über Stimmgattung und Stimmeigenart. Die Sänger besuchten damit Gesangvereine anderer Städte und nahmen an deren Proben teil. Diese Pässe mit ihren vielen Visa geben heute ein wichtiges Zeugnis über die weit vernetzten Beziehungen der Sänger im 19. Jahrhundert. Der Pass wurde in den Musikzeitschriften im In- und Ausland bekanntgemacht und von vielen Vereinen übernommen.

 

 

 

„Eintracht nur sey all umschlingendes Band„

geschichte-5Auch die Lieder waren politisch.

„Sondert euch nur nicht nach Fahnen und Farben und nach Provinzen, sondert euch nicht. . . Deutsche! seid Deutsche! Was braucht ihr Bänder? Eintracht nur sey all umschlingendes Band! Gönnet den Mächt’gen die Scepter der Länder, unser ist Deutschland, das einige Land.“

So heißt es im „deutschen Sängergruß“, nach einem Text von Ludwig Bechstein, komponiert von Georg Merschbach, gewidmet Jens Sattler.

 

 

Politische Unruhen

Halle der Freien Christlichen Gemeinde in Schweinfurt

Halle der Freien Christlichen Gemeinde in Schweinfurt

Politische Unruhen machten sich auch in Schweinfurt bemerkbar. Jens Sattler sorgte für Aufsehen, als er 1848 seinen Sohn Johann Christian Wilhelm vom deutschkatholischen Pfarrer Flos taufen ließ. Er unterstützte die „Freie Christliche Kirche“ und finanzierte den Bau einer Versammlungshalle. Von politischen Ereignissen hielt er sich fern, aber sein Bruder Wilhelm wurde verhaftet. Wenige Tage danach trat Jens Sattler als „Gesellschafts-Director“ des Liederkranz zurück.

 

 

 

 

Die Sängerfeste

Politische Lieder waren möglich unter dem Deckmantel der Pflege des Gesangs. Auch die seit den 1820er Jahren veranstalteten Sängerfeste, in Franken vor allem die „Fränkischen Sängerfeste“ seit 1839, hätten nicht vermocht, das Misstrauen der Obrigkeit derart zu wecken, dass es zu einem Verbot dieser auch politisch motivierten Massenveranstaltungen gekommen wäre. Waren die ersten regionalen Sängerfeste der seit 1809 an zahllosen Orten entstandenen Vereine anfangs noch recht bescheiden, wurden sie im Vormärz immer prächtiger zelebriert.

 

 

Fränkisches Gesangfest in Schweinfurt 1843

Singhalle von 1843

Singhalle von 1843

Eigens für das fränkische Gesangfest zu Schweinfurt 1843 erbaut und anschließend wieder abgebrochen: die Singhalle. 1833 hatte Jens Sattler auf Initiative seiner Mutter Catharina den Liederkranz Schweinfurt gegründet. Zehn Jahre später lud der Männergesangverein bereits zu einem fränkischen Gesangfest nach Schweinfurt ein. 

 

 

 

 

 

Gesamtdeutsches Gesangfest in Würzburg 1845

Ludwig I. - Unterstützer des gesamtdeutschen Gesangsfestes

Ludwig I. – Unterstützer des gesamtdeutschen Gesangsfestes

Das erste gesamtdeutsche Gesangfest fand 1845 in Würzburg statt, 1626 Sänger und wesentlich mehr Zuhörer nahmen teil. Das Fest drückte „dem deutschen Sängerwesen den Stempel einer kräftigen nationalen Wirksamkeit“ auf (Otto Elben).
Es wurde vom bayerischen König Ludwig I. unterstützt und hatte die Aufgabe „der Stärkung des deutschen Nationalgefühls“. Den „Sängergruß zum Würzburger Liederfeste“ dichtete im Mai 1845 der evangelische Pfarrer Johann Christian Karl Trebitz (1818-1884), ein ehemaliger Burschenschafter.

Aufgrund der Spannungen gab es kurz vor der Märzrevolution 1848 in Deutschland keine bedeutenden Sängerfeste mehr.

 

 

 

Der Liederkranz und Friedrich Rückert

Friedricht Rückert

Friedrich Rückert Der berühmteste „Sohn“ der Stadt Schweinfurt ist der Dichter und Orientalist Friedrich Rückert. Friedrich Rückert wurde am 16. Mai 1788 in Schweinfurt geboren. Sein Vater Adam Rückert, der aus Hildburgs- hausen nach Schweinfurt gezogen war und vorüber-gehend auch in Oberlaurin- gen arbeitete, starb 1866 in Schweinfurt. Er wurde zu- sammen mit seiner Frau Barbara, die im Jahre 1835 verstarb, im Alten Friedhof in Schweinfurt beerdigt, wo sich noch heute ein Gedenkstein befindet.

Interessant war das Verhältnis des Chors zu Friedrich Rückert beziehungsweise umgekehrt. R. Kreutner, Geschäftsführer der Rückert-Gesellschaft, schreibt, dass Rückert zwar mit dem Vorstand prinzipiell dessen Sehnsucht nach einem geeinten Deutschland geteilt, aber doch einer völlig anderen Zeit angehört habe. „Seine Generation war gezwungen, ihre während der antinapoleonischen Befreiungskriege formulierten Hoffnungen auf ein geeintes Deutschland mit den Karlsbader Beschlüssen 1819 zu begraben.“

 

Dein wahrer Freund
(Friedrich Rückert)

Dein wahrer Freund ist nicht,
wer dir den Spiegel
hält der Schmeichelei,
worin dein Bild dir selbst gefällt.
Dein wahrer Freund ist,
wer dich sehn lässt deine Flecken
und sie dir tilgen hilft,
eh‘ Feinde sie entdecken.

 

Vergeblich habe der Liederkranz versucht, Rückert zum Gesangfest 1843 einzuladen. Zwar habe der große Sohn der Stadt artig „zu den letzten Julitagen den reinsten Himmel und die reinste Stimmung der Lüfte und der Gemüter, der Saiten und der Kehlen“ gewünscht, aber er mochte seine Sommerfrische dafür nicht verlassen. Sehr bestimmt habe Rückert später auch einen Beitrag zum Erinnerungsalbum verweigert, da er nicht „an die Spitze der mir ganz fremd gebliebenen Sache treten“ wollte. Zusätzlich wurde Rückerts Reserviertheit noch durch seine negative Einstellung gegenüber der Musik verstärkt. Er lehnte auch die Vertonung seiner Verse als respektlos und unpassend ab. Der Dichter fand in den Berichten des Liederkranz keine Beachtung mehr. Selbst sein 75. Geburtstag im Jahr 1863 wurde nicht wahrgenommen und sogar sein Ableben 1866 fand keine Erwähnung in Kreise des Liederkranz. Erst als das Rückertdenkmal im Oktober 1890 eingeweiht wurde, erschien der Name des Ehrenmitglieds wieder in den Akten des Liederkranz.

 

 

 

 

Der Liederkranz als Gesellschaftschor

geschichte-10Ab den 1850er Jahren wandelte sich der Liederkranz immer mehr zum Gesellschaftschor und beschäftigte sich mit sich selbst. Die Wanderungen nach Schloss Mainberg waren keine politischen Demonstrationen mehr. Geradezu legendär sind die ab 1840 veranstalteten Masken-Züge und Karnevalssitzungen, aus denen 1954 die ESKAGE hervorging, die Wasserfahrten und Schlachtschüsseln. 

 

 

 

Der Liederkranz im 3. Reich

In das Jahr des 100-jährigen Bestehens fiel die Machtergreifung von Adolf Hitler. Die Vorstellung von Deutschland bekam damit für den Liederkranz einen neuen eingeschränkten Klang. Im Festspiel zum Jubiläum habe es in einer Parodie mit unüberhörbarem Unterton geheißen: „Heut ist‘s um Deutschland, bald die ganze Welt, Gott seis gedankt, viel besser schon bestellt. Wir brauchen nun kein Schießgewehr, nicht Hadergaß noch Dachau mehr. Und wer sich muckst und nicht pariert, der wird notiert – und arretiert – und relegiert.“

Am Stiftungsfest 1943 wurde zum ersten Mal der neue Sängerspruch intoniert: „Dem Lied mein Herz, dem Freund die Hand, mein ganzes Sein dem Vaterland“. Dennoch scheint der Liederkranz eine Möglichkeit gefunden zu haben, sich nicht korrumpieren zu lassen. Man wich auf Unterhaltungsmusik aus und erarbeitete 1935 außerdem erstmals Johannes Brahms‘ „Ein deutsches Requiem“.

Als 1943 die Bombenangriffe auf Schweinfurt erfolgten, waren die meisten Sänger eingezogen. Nach Kriegsende wurde der Liederkranz von den Amerikanern aufgelöst. 1947 war eine der ersten Aufführungen in der fast unversehrten Heilig-Geist-Kirche „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn, die der Liederkranz auch 2014 wieder zur Aufführung bringen wird.

 

 

Der Main und Schloss Mainberg im Mittelpunkt des Vereins

Die Wasserfahrten

Auf Druck zahlreicher passiver Mitglieder wurde 1841 als Vereinszweck neben der Pflege des Gesangs die Pflege der Geselligkeit genannt. Damit war offiziell der LIEDERKRANZ ein Gesang- und Gesellschaftsverein. Wachsender Beliebtheit erfreuten sich die seit 1836 nachgewiesenen Wasserfahrten auf dem Main nach Mainberg. Eine besonders glänzende Fahrt mit sechs großen aneinandergekoppelten Mainkähnen, geschmückt mit Blumen und Girlanden, wurde im Spätsommer 1841 unternommen.

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Wasserfahrtslied

Auf den Wogen,
Auf den Wellen,
Auf dem Spiegel glatter Fluth,
Wenn des Glücksschiffs
Segel schwellen,
Günst‘ge Winde,
Fährt sich‘s gut.
Fahre, fahre
Kranzgeschmückter
Wimpelkahn,
Lächle, klare
Stromesfluth, die Sänger an!

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Wachsender Beliebtheit erfreuten sich die seit 1836 nachgewiesenen Wasserfahrten auf dem Main nach Mainberg.

Der Dichter Ludwig Bechstein, Freund, Förderer und Ehrenmitglied des Vereins, dichtete aus Anlass der Wasserfahrten das „Wasserfahrtslied“.

Zum 150-jährigen Jubiläum knüpfte der Liederkranz an die alte Tradition an und unternahm eine Wasserfahrt zum Gründungsort Mainberg. 

 

 

Schloss Mainberg

Eng mit der Enstehungsgeschichte des Liederkranz verbunden, begleitete das stattliche Schloss das Gesellschafts- und Vereinsleben des Liederkranz Schweinfurt.

Schloss Mainberg war im 19. Jahrhundert im Besitz der Fabrikantenfamilie Wilhelm Sattler. Am 23. November 1833 gründete Jens Sattler auf Anregung seiner Mutter Catharina Sattler zusammen mit 45 Männern den Liederkranz Schweinfurt. Das Ziel zahlreicher Wanderungen war in der Folge immer wieder das Schloss.
Heuer kann der Oratorienchor sein 180. Gründungsjubiläum feiern.

 

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Probenorte des Chors

Als der 1833 gegründete Liederkranz nicht mehr in der Rathausdiele proben durfte, gab es einigen Unmut. Der Chor wechselte letztlich in einen von der Kirchengemeinde St. Johannis zur Verfügung gestellten Raum und erhielt dafür einen städtischen Mietzuschuss von 350 Euro, das entspricht 25 Prozent der Jahresmiete. Seit September 2007 finden die Proben nun im Konzertsaal der Musikschule statt. Die Jahresmiete dort beträgt mit 2050 Euro wesentlich mehr.

Im städtischen Kulturausschuss waren sich die Stadträte allerdings einig, es bei der Bezuschussung von 25 Prozent zu belassen. Entnommen wird das Geld dem Topf „Förderung der Musikpflege. Kulturamtsleiter Erich Schneider begrüßte es ausdrücklich, dass der Liederkranz im Studio der Musikschule probt. „Das ist eine richtige Entscheidung,“ sagte er im Ausschuss (aus Schweinfurter Tagblatt, Hannes Helferich).

 
Saalbau mit dem Liederkranzzimmer im Hintergrund

Saalbau mit dem Liederkranzzimmer im Hintergrund

 
Sattlersche Zuckerfabrik - geprobt wurde in der Orpheushalle

Proben in der Rathausdiele

 
Proben in der Rathausdiele

Sattlersche Zuckerfabrik – geprobt wurde in der Orpheushalle

 
Ein würdiger Probenraum - Der Konzertsaal der Musikschule

Ein würdiger Probenraum – Der Konzertsaal der Musikschule